Trauerkultur


Bundesweiter Tag des Friedhofs 2007

Effizienz, Flexibilität und Mobilität prägen unsere schnelllebige Zeit. Die Menschen rasen geradezu durch ihr Leben. Doch wo bleiben in dieser stetigen Hektik und Eile die wirklichen Bedürfnisse, Wünsche und Hoffnungen des Einzelnen? Ist da noch Zeit und Raum für Trauer und Erinnerung, beispielsweise an die Verstorbenen? Diese und ähnliche Fragen greift der bundesweite Tag des Friedhofs auf. Sich erinnern, die Würde des Menschen als elementar begreifen, auch über den Tod hinaus: Das sind zwei zentrale Ziele, die der Tag des Friedhofs, der seit 2001 jeweils am 3. September-Wochenende stattfindet, verfolgt.

 
Wichtig sind die Aktivitäten, die den bundesweiten Tag des Friedhofs begleiten für alle grünen Betriebe, die rund um die Friedhöfe angesiedelt sind. Lüder Nobbmann, Vorsitzender des Bundes deutscher Friedhofsgärtner (BdF), ist einer der Initiatoren und Befürworter dieser Verbraucher-Veranstaltung und hat als Inhaber einer Gärtnerei in Hüttenberg-Rechtenbach in der Nähe von Wetzlar und Gießen natürlich auch ein ureigenes Interesse daran. Nachfolgend steht er Rede und Antwort zum Sinn und Zweck des Tages des Friedhofs. Und gibt seinen Kolleginnen und Kollegen damit wichtige Argumentationshilfen für Beratungsgespräche mit Verbrauchern.

Marktblatt: Herr Nobbmann, warum gibt es den Tag des Friedhofs?

Lüder Nobbmann: Wie mit dem Tag des Denkmals oder dem Tag des Baums geht es auch uns darum, Aufmerksamkeit für ein Kulturgut zu erwecken, welches im täglichen Geschehen nicht oder nur unzureichend wahrgenommen wird. Der Friedhof ist ein öffentlicher Ort. Dennoch wird das Thema gerne gemieden, erinnert es doch immer auch an die eigene Endlichkeit.

Marktblatt: Welche Organisation steckt hinter dem Tag des Friedhofs?

Lüder Nobbmann: Der Tag des Friedhofs ist nicht nur die Idee einer Organisation. Er geht zwar auf eine Idee des Bundes deutscher Friedhofsgärtner zurück, wird aber bereits seit Anfang an von den Verbänden der Bestatter, Steinmetzen, Floristen und Friedhofsverwalter mitgetragen. Der Tag des Friedhofs ist mittlerweile zu einer gesellschaftlichen Bewegung von unten geworden, so wie wir uns dies gewünscht haben. Ob Hospizverein, Kirchengemeinde oder lokale Arbeitskreise, Kulturschaffende und Trauerredner, sie alle sind heute Motor dieser Bewegung. In der einen Stadt ist es das Grünflächen- oder Friedhofsamt, von dem die Initiative ausgeht, in anderen sind es die Gewerbetreibenden oder die Kirchen.

Marktblatt: Was macht den Friedhof zu einem Kulturgut?

Lüder Nobbmann: Jedes Volk hat über die Jahrhunderte eigene Rituale zur Trauer und Erinnerung an Verstorbene entwickelt. Unsere Vorfahren haben sich für sehr schöne und naturnahe Bestattungsplätze entschieden, unsere blühenden und grünen Friedhöfe eben. So war es über Jahrhunderte Brauch, dass niemand namenlos beerdigt wurde. Umso mehr erschrickt es mich, wie viele Menschen in unserer aufgeklärten Zeit einfach so aus dem Leben schleichen. Ein Grabmal mit dem Namen und dem Geburts- und Sterbedatum und sei es noch so einfach aus Holz, ist ein unverzichtbarer Teil unserer Menschenwürde.

Marktblatt: Ist der Friedhof also ein Ort der Toten?

Lüder Nobbmann: Nein, ein Ort der Lebenden. Was zunächst paradox klingt, erschließt sich, wenn man bedenkt, wie wichtig es für Hinterbliebene ist, einen konkreten Ort für die Trauer zu haben.

Marktblatt: Kann nicht auch ein Bild oder das Wohnzimmer ein solcher Ort der Erinnerung sein?

Lüder Nobbmann: Für jeden Menschen gibt es vieles, was an den Verstorbenen erinnert. Dennoch bleibt für mich das Grab auf dem Friedhof auch ein Ort für gemeinsame Trauer in großer Gemeinschaft von Familie und Freuden. Dies erleichtert den Weg in ein Leben nach der ersten großen Traurigkeit und dem Leben wieder positive Seiten abzugewinnen. Deshalb glaube ich auch, dass die von einigen geforderte allzu liberale Möglichkeit, eine Urne zu Hause aufzubewahren, nicht gut ist. Der Tod ist nun einmal keine ausschließliche Privatangelegenheit.

Marktblatt: Halten Sie denn Bestattungsformen in Wäldern für eine Alternative zum traditionellen Friedhof?

Lüder Nobbmann: Häufig werden diese Bestattungsformen gewählt, weil man sich hier eine neue Freiheit verspricht. Eine Freiheit, bei der es keine einengenden Friedhofsordnungen gibt und bei der die Last der Grabpflege vermieden wird. Vergessen wird dabei, dass diese Freiheit bedeutet, etwas nicht tun zu dürfen. Es dürfen keine Grabmale aufgestellt, es können wegen der Brandgefahr keine Kerzen aufgestellt und es dürfen keine Blumen abgelegt werden. Zu häufig wird auch vergessen, dass die Mobilität im Alter abnimmt. Wenn die Naturnähe die Entscheidungsgrundlage ist, sollte bedacht werden: Wo finden sich schönere Bäume, mehr Grün und damit biologische Vielfalt als auf einem Friedhof? Der Friedhof bietet den Rahmen für eine Vielfalt an Bestattungsformen.
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